Dem Internet fallen die Milchzähne aus

Was ist nur los mit unserem geliebten Internet. Seit einiger Zeit fühlt es sich nicht wohl, erst nur ein schwach wahrzunehmender Schluckauf, dann gleich ungeahnte Übelkeit. Wikipedia streikt, Grooveshark ist unprofitabel und andere schwärzen ihre Startseite (in diesem Fall Wordpress). Hat das Netz nur schlecht gegessen oder hat ihm gar jemand in den Magen getreten? Der Tritt kam aus weiter Ferne mit extremen Schwung und die Wirkung ließ doch ein wenig auf sich warten.

Einige Kongressabgeordnete und Angehörige des Repräsentantenhauses wollen plötzlich nahezu das gleiche Ziel verfolgen und taufen es SOPA oder PIPA. Den Inhalt kennt nunmehr nahezu jeder Interessierte: Spieler, die das Urheberrecht missachten oder zu ihrer Missachtung in jeglicher Weise beitragen sind zu disqualifizieren. Es ist wie mit dem 14 jährigem Sohn dessen Vater, seinem Nachkömmling deutlich macht, dass Partys mit Übernachtung in ihrem Haus nicht genehmigt würden. Von vornherein, eben ohne den Grund oder Freundeskreis der Sause zu hinterfragen. Frei nach dem Motto Urheberrechtsverletzungen können gut sein, böse ist wer sie untersagt.

Zeiten ändern sich

Die Packung Kaugummi oder Schokolade aus dem Supermarkt in die Jackentasche zu stecken war mit 10 Jahren schon verdammt lässig. Jeder wollte cool sein und den Kragen hochklappen, was hatte man schon zu befürchten - so richtig für voll konnte einen doch keiner nehmen, schon gar nicht das Gesetz. Warum also nicht, warum nicht die gratis Süßigkeit ins Maul stopfen. Einige Jahre vorgespult... Schon wird der Bursche ernst genommen und muss für sein Verhalten haften und ist Teil einer Gesellschaft in der Meller und Snickers klauen nun nicht gerade zu den Tugenden der Zeit zählen. Was einst eine coole Mutprobe für einen selbst war stellt sich im Alter im neuen Umfeld als kindisch heraus.

Kann man mir folgen? Der Kontext, das Umfeld indem sich das Internet befindet hat sich verändert. Es muss sich selbst ändern und anpassen um ernst genommen zu werden. Es wird akzeptiert und in kritischen Bereichen in einer erwachsenen Welt eingesetzt. Ein Teenager mit Prinzipien eines Jungen macht unter Kerls einen komischen Eindruck. Es sollte sich nicht mit alten Tugenden brüsten und als Moralapostel positionieren. Es sollte die neuen Spielregeln akzeptieren sonst würde es weiterhin mistrauisch angeschaut und Mistrauen führt zu wenig Gutem.

Gleich eine weitere zentrale Frage: Wie soll etwas, das sich doch häufiger selbst als rechtsfreien Raum bezeichnet, in einer kapitalistischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft überstehen. Eine begrenzte Zeit vielleicht, eben bis die Milchzähne weichen müssen, Snickers klauen untragbar wird und der Vater die Abendgestaltung, aus Angst vor der Welt, nicht mehr regulieren kann.

Die Zeiten des Wilden Westens sind vorbei

In das Radio wurden eben jene Hoffnungen gesetzt: jeder wird zum Sender und das Volk demokratisiert sich. Was ist geblieben? Gedudel und die Popmusik. Was wird vom Internet blieben? Ständige Erreichbarkeit, zero Transaktionskosten und schier unbegrenzter Inhalt. Aber eben nicht unreguliert und kostenlos für jedermann der in seiner Tastatur den Colt der Neuzeit sieht.

Obskure Vergleiche schaffen ein Verhältnis: morgen steck ich einen Mercedes und einen LG Flat Screen in die Tasche, schließlich verdienen die Jungs schon genug Kröten und die Verteilung der Einnahmen ist ebenso wenig fair wie die der Musikindustrie. Der Werksarbeiter bekommt Fließbandarbeit und Hungerlohn und wird gar in den Suizid getrieben. Dem Manager und Anzugträger am Messestand quillt das Geld an jeder Körperoffnung. Fairness. Der Musiker wird vom Label pro verkaufter Scheibe mit ein paar Euros entlohnt. Die Labels sacken alles ein. Falls er dann doch groß geworden ist, ist er bei MTV Musik Awards und MTV Cribs. Fairness und eigene Moralvorstellungen als Rechtfertigung des Diebstahls... und es gibt eine Menge unfaire Dinge!

Zum Vergleich, es hat schon beim Buchdruck der Verleger gewonnen, der Verteiler der Inhalte gewinnt, leider nicht der Konsument oder Produzent. Die Klauen des Kapitalismus mit ihrem Drang Profit zu schaffen werden auch von der ideologischen Haltung einiger Bit-Anarchisten und dem kurzen Raunen einer schnell vergessenden Gesellschaft nicht zurückschrecken lassen. Dabei sitzen die Klauen schon jetzt tief, jede Legislative (in Europa als ACTA) beißt sich aus gleichen Gründen fest. Es geht weniger um das unabsichtlich genutzte Bild auf Wikipedia oder im Blog. Es betrifft allgemein den User Generated Content: nicht jeder darf, nur weil er den Trick verstanden hat, sich von seinem Tun distanzieren indem mit dem Finger in die andere Himmelsrichtung zeigt. Doch keine Angst, keine Exekutive wird so einfallslos zeigen, das Volk in heutigen Zeiten langfristig gegen sich aufzubringen indem es völlig willkürlich, für die Industrie finanziell unerhebliche, Inhalte blockt: Think Big!

Zermürben und die Zeit

Einmal zehn Filehoster, 20 Torrenttracker, fünf Videoseiten und zwei Musikdienste abkoppeln. Schon werden sich 80% der Liebhaber freien Entertainments zu zahlungspflichtigen Angeboten bekennen. Auch hier wird die Bequemlichkeit gewinnen, nicht die so oft öffentlich vertretene Handlungsmoral Fehler und Schwachstellen aufzuzeigen. Damit wird das Spielfeld gleichzeitig beherrschbarer: 20% lassen sich leichter einfangen als das halbe Volk. Es stehen Gruppierungen die zentral urheberrechtlich geschütztes Material verbreiten im Mittelpunkt. Der Kampf wird ein Katz und Maus Spiel mit Zermürbungstaktik als Strategie: Verharmlosung durch Wiederholung und repetieren. Der erste Versuch darf scheitern, der dritt oder vierte Anlauf muss es bis in die Ziellinie schaffen. Bis dahin ist die Öffentlichkeit abgestumpft und nicht mehr zu widerstandswillig wie noch zu Beginn.

Die Medienindustrie hat sich zu sehr kommerzialisiert, als das letztendlich der Künstler im Fokus steht und der Konsument mitentscheiden darf. Der Umsatz ist zu hoch. Der Rattenschwanz der Mitverdiener ist zu lang.

Leider wird auch das Medium Internet vollständig industrialisiert werden. Nicht der Nutzer darf entscheiden, welche Informationen er sich wie beschafft. Der Informationsfluss wird gerichtet sein! SOPA ist schwedisch für Abfall oder fegen, PIPA hingegen ist das Rohr - in einem Rohr kann es nur in eine Richtung fließen.

Jeff Bezos vergleicht das derzeitige Internet und Computer mit einer Waschmaschine um 1910: gefährlich und kaum einer weiß wie man sie richtig bedienen soll. Potential hat sie dennoch, man muss sie optimieren und sich zu eigen machen. Die Bequemlichkeit siegt über Einfallsreichtum und dem Drang zu vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten.

Bevor es vergessen wird: Wir sind nicht die Mehrheit und Ihre Interessen und Vorstellungen des Netzes sind bei weitem nicht deckungsgleich zu denen der iPhone- und Kindle-Nutzer. SOPA und PIPA sind nicht der finale Maulkorb! Urheberrechtler mögen keine beißenden Bestien im Park und werden in ihrem eigenen finanziellem Interesse nicht locker lassen. Der Gong wird auch die zweite Runde einläuten und einige haben auf den K.O gesetzt, wobei die Zuschauer nur unterhalten werden wollen, aber weniger hinterfragen wer da gewinnt oder verliert. Auch ein Großteil der Moralisten wird nur wissentlich zuschauen.

I am done, 10-4